|
| Interview mit einem WoW-Süchtigen |
|
|
|
 |
Redakteur: Christian 'Knecht' Murawski |
|
19.01.2006 / 00:00 (GMT+1) |
|
| Vor einiger Zeit veröffentlichte ich auf dieser Seite einen Artikel mit dem Thema "World of WarCraft - Welche Gefahren es mit sich bringt". Dieser Artikel fand viele Befürworter, aber natürlich auch genauso viele Kritiker. Die Comments auf WoW-Szeneseiten überschlugen sich. Doch viel interessanter war, was sich außerhalb der Öffentlichkeit tat. Ich erhielt Emails von Leuten, die mir die von mir erwähnten Gefahren einer "WoW-Sucht" bestätigten. Viele erzählten mir, wie sie langsam diesem Spiel verfallen sind und sich immer mehr vom Leben abgekapselt haben, ohne es wirklich zu merken. Es war erschreckend diese Berichte zu lesen und das Thema ließ mich nicht mehr los. Ich verfeinerte im Stillen den Artikel und beschloss das Thema weiter zu verfolgen. Deshalb bat ich einen dieser "WoW-Süchtigen" um ein Interview. Er willigte ein, aber wir werden hier weder Nicknames noch richtige Namen nennen.
| wcg-europe.com: | Hallo Anonymus, danke das du dich zu diesem Interview bereiterklärt hast. Erzähl uns doch kurz etwas über dich. | | | | Anonymus: | Hallo Chris. Ich bin 19 Jahre alt, komme aus dem westen Deutschlands und gehe zurzeit auf ein Gymnasium. Ich spiele World of WarCraft seit dem Release und seitdem geht es mit mir immer weiter Bergab. | | | | wcg-europe.com: | Du sagst es ging mit dir Bergab. Wie genau können wir uns das vorstellen? | | | | Anonymus: | Na ja, es fing harmlos an. Ich aß unregelmäßiger und viel ungesünder, weil es schließlich schnell gehen musste. Ich vernachlässigte Dinge wie Hygiene und auch der Zustand meines Zimmers war katastrophal. Ich stritt mich immer häufiger mit meiner Familie, natürlich wegen WoW und meinem Verhalten. Ich versiffte richtig innerlich, weil ich immer so gegen 5 Uhr morgens ins Bett ging und erst nachmittags aufstand. Mit der Zeit ging ich auch immer weniger raus und verlor dadurch meine Freunde. Auch meine Freundin verlor ich nach gut einem Monat, weil ich immer neue Ausreden brachte um zu Hause spielen zu können. Aber es interessierte mich nicht. Ich bemerkte es kaum. Ich sah bei mir keinen Fehler, sondern nur bei den anderen. | | | | wcg-europe.com: | Das hört sich wirklich furchtbar an. Wie konnte es denn dazu kommen? | | | | Anonymus: | Das weiß ich bis heute nicht wirklich. Ich habe vorher ganz normale Spiele wie Counter-Strike, StarCraft und Co. gespielt. Ich war ein ganz normaler Gamer, der ab und zu mal eine Runde gedaddelt hat. Ich war in einem normalen Clan und spielte in den gängigen Ligen, aber halt im normalen Maß. Ich hätte nie gedacht, dass ein PC-Spiel mich so dermaßen in seinen Bann ziehen kann. Dann wurde World of WarCraft veröffentlicht. Alle meine Freunde legten es sich zu und so kaufte auch ich es schließlich. Zuerst fand ich es gar nicht sooooo toll, aber je länger ich spielte, desto mehr tauchte ich in diese Welt ein. Es gab immer neue Aufgaben, immer härtere Gegner und immer bessere Gegenstände. Mein Charakter wurde immer stärker je länger ich spielte und irgendwie wurde ich dadurch auch stärker. Am ersten Tag spielte ich mindestens 15 Stunden am Stück.
Später pendelte sich es dann so auf 10 Stunden ein, manchmal etwas weniger, oft etwas mehr. Zur Schule ging ich immer unregelmäßiger. Meine Eltern bekamen das nicht mal mit, weil sie immer vor mir aus dem Haus mussten. Ich schrieb der Schule dann sogar, dass ich 3 Wochen ins Krankenhaus muss für eine Operation und fälschte die Unterschrift meiner Eltern und das alles nur damit ich 3 Wochen lang in Ruhe WoW spielen konnte.
Die Quests dauerten immer länger und das Leveln auch, deshalb saß ich immer mehr am PC. Auf Level 60 angekommen fing ich dann an auf den Battlegrounds zu spielen und machte mit bei Instanzen wie Molten Core, die am Stück rund 10 Stunden dauerten. Und ich schuf natürlich neue Charaktere, die ich dann auch wieder hochleveln musste.
Danach kam Nefarius und Co, was auch enorm viel Zeit kostete. Aber mein Charakter bekam immer geilere Items, Mounts usw. Ich war völlig im Bann dieses Spiels. Und wenn ich dann mal einen Tag keine Ausrede für Freunde oder Freundin fand und wirklich nicht spielte, bereute ich dies am nächsten Tag, denn meine Gildenkameraden erzählten mir was sie alles gemacht haben und was für Gegenstände es dabei gab usw. Ich bereute es nicht da gewesen sein um zu spielen. | | | | wcg-europe.com: | Aber hat dich denn niemand drauf aufmerksam gemacht? Hat niemand etwas gemerkt und dich irgendwie wach gerüttelt? | | | | Anonymus: | Lange Zeit nicht. Ich spielte und spielte. Zwischendurch stritt ich mich halt mit den Eltern über meinen Spielekonsum, aber diese Diskussionen waren meist sehr kurz. Die Schule dachte halt ich wäre schwer krank. Freunde und Freundin bemühten sich zwar lange, aber letztendlich stießen sie bei mir auf taube Ohren.
Ich las auch deinen Artikel hier über die WoW-Sucht und verfolgte auch die Comments hier und auf InWoW.de, aber ich konnte mich damit nicht identifizieren. Ich süchtig? Nein, dachte ich. Ich habe kein Problem. Die anderen haben ein Problem, aber ich nicht. Ich belächelte den Artikel und?spielte weiter. | | | | wcg-europe.com: | Und wie kam nun letztendlich die Einsicht? | | | | Anonymus: | Die kam durch mehrere Dinge. Mein bester Freund, der immer noch an mir festhielt, kam zu mir, versuchte mich wachzurütteln und schrie mich an. Er scheuerte mir sogar eine und letztendlich redeten wir viele Stunden darüber. Ich sah langsam ein, dass ich ein Problem hatte. Aber was sollte ich dagegen tun?
Die Schule schickte dann nach vielen Monaten meiner Abwesenheit jemanden vom Jugendamt vorbei, passender Weise einen Tag nach dem Gespräch mit meinem besten Freund. So kam raus, dass ich ewig nicht in der Schule war und dass meine Eltern davon nichts wussten. Sie waren bestürzt und schwer enttäuscht von mir. Es war echt grauenhaft. Wir redeten bis tief in die Nacht über meine WoW-Sucht. Ich war sehr froh wie sie reagierten, denn statt mich einzusperren und zu schreien, zeigten sie Verständnis. Nach diesem Gespräch wollte ich eigentlich ins Bett, ging dann aber doch noch mal an den PC, vielleicht aus Gewohnheit, um meine Emails abzurufen. Es blieb natürlich nicht dabei und so surfte ich mal kurz auf inWoW.de. Da fiel mir wieder dein Artikel ein und so suchte ich im Archiv von InWoW.de und fand ihn da auch. Ich las ihn noch mal durch und? ja, ich erkannte mich darin wieder. Dann suchte ich deine Email raus und meldete mich bei dir, und tja, jetzt bin ich hier :) | | | | wcg-europe.com: | Wie geht es nun weiter mit dir? | | | | Anonymus: | Ich habe nun erstmal WoW deinstalliert und das Spiel symbolisch mit meinen Eltern zerstört. Verbrannt! Klingt kitschig, ist aber so. Mit meinen Eltern gehe ich nun zu einem Psychologen und einem Suchtberater, die mir helfen mit der Sucht fertig zu werden. Ich darf am Tag nun nur noch 2-3 Stunden am PC sein und nur Spiele spielen, die auch zu Ende sein können, also nicht ewig laufen wie World of WarCraft. Habe zusätzlich auf dem PC alle Links gesperrt in denen das Wort "WoW" vorkommt.
Meine Eltern helfen mir sehr und auch meine Freunde unterstützen mich. Wenn ich mal wieder einen Hänger habe, schleppen sie mich einfach mit :) Und ich habe auch wieder Kontakt zu meiner ehemaligen Freundin und so langsam kriegen wir das auch wieder hin. Und ich spiele wieder Fußball in meinem alten Verein, eines der ersten Hobbys, die durch WoW den Tod fanden.
Das Schuljahr wiederhole ich nun, weil ich schlichtweg den Anschluss verloren habe. Tja, es läuft wieder, auch wenn nichts mehr so ist wie es früher war. | | | | wcg-europe.com: | Es ist wirklich toll das dich deine Eltern und Freunde so unterstützen. Besonders wichtig ist aber die psychologische Unterstützung, wie ich finde. Was würdest du anderen Leuten empfehlen, die sich vielleicht durch dieses Interview angesprochen fühlen bzw. den Leuten, die es verharmlosen? | | | | Anonymus: | Sprecht mit Euren Eltern. Tut das Ganze nicht als Witz ab! Es ist ein sehr ernstes Thema. Dieses Spiel wird nie ein Ende finden und deshalb ist es gefährlich. Oder geht zu einem Psychologen oder Berater. Die können Euch auch helfen. Oder sprecht mit Freundin darüber oder anderen Verwandten. Kritikern kann ich eigentlich nur sagen, dass sie keine Ahnung haben. Sie verharmlosen das Thema. Früher gehörte ich dazu, heute bin ich geläutert. | | | | wcg-europe.com: | Ich danke dir für dieses Interview und deine Offenheit Anonymus. Ich wünsche dir noch viel Glück und Kraft auf deinem Weg. Vielleicht konnten wir ja mit diesem Interview einigen Leuten ein Stück weit helfen. | | | | Anonymus: | Ich danke auch. Wenn es auch nur einen hilft, ist es eine tolle Sache. | | |
EIN ARTIKEL VON CHRISTIAN MURAWSKI. Haben sie Fragen? Schreiben Sie mir eine Email an (E-Mail) | |
|
|
| | | | | |
|
|
| |
|
|
» Bug gefunden oder Verbesserungsvorschlag? Jetzt einschicken! |
|
|